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Veranstaltungsbericht: Massengewalt und Genozid in der Ukraine

03.07.2026

Sommerschule in Lviv behandelt das sowjetische und das NS-System im Vergleich

TeilnehmerInnen der Sommerschule

Historikerinnen und Historiker vor allem der jüngeren Generation haben in der letzten Juniwoche 2026 in einer Sommerschule im ukrainischen Lviv ihre laufenden Forschungen vorgestellt. Das Mykola-Haievoi-Zentrum hatte vor allem Personen eingeladen, die Doktor- oder Masterarbeiten vorbereiten. 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Ukraine, den USA, Deutschland sowie drei weiteren EU-Ländern waren dem Ruf gefolgt. Auf dem sommerlich heißen Campus der Ukrainischen Katholischen Universität verbrachten sie vier Tage in gut gekühlten Veranstaltungsräumen im Untergeschoss. Abwechslung und Anschauung bot eine Exkursion zur Zitadelle der Stadt. Die aus der Zeit der Donaumonarchie stammende Anlage wurde 1942 zu einem der berüchtigten Internierungslager, in denen die deutschen Besatzer sowjetische Kriegsgefangene gefangen hielten und tausendfach verhungern ließen.

Der Eröffnungsredner war aus Italien ins ukrainische Galizien gekommen: Andrea Graziosi, einer der weltweit führenden Historiker, die sich der Erforschung der Sowjetunion und zugleich der Gewaltherrschaft und der Genozide widmen. Sein Vortrag handelte von „Massengewalt und Genozid in der europäischen Erfahrung: Antihumane Praktiken und intellektuelle Entwicklungen 1795 bis 2025“. Graziosi blickte darin und in einem weiteren Referat zurück auf seine Zeit als junger Historiker und die „schmerzhafte Lektüre“ der Berichte italienischer Diplomaten aus der Sowjetunion der Stalinzeit. Sie habe sein Bild des 20. Jahrhunderts in Europa „radikal verändert“, weil sie die absichtsvolle Brutalität des Regimes, insbesondere während des Holodomor, der künstlich herbeigeführten Hungersnot vor allem in der Ukraine, offengelegt habe. Die Öffnung der sowjetischen Archive in der Zeit um 1991 habe weitere Erkenntnisse geliefert. Auch als „totaler Antifaschist“ habe er lernen müssen: „In den 1930er Jahren stand der sowjetische Massenterror mit seinen hunderttausendfachen Erschießungen in Europa einzigartig da.“

Der Emeritus der Universität Neapel zeichnete die langen Diskussionen in der europäischen Linken über die Zukunft der Nationen und die „nationale Frage“, über Bauerntum und Industriegesellschaft nach, wie sie auch Stalin geführt habe. Am Ende stand die Haltung der sowjetischen Kommunisten, die laut Graziosi offen aussprachen: „Wir haben keine Kolonien. Deshalb behandeln wir die Bauern als unsere Kolonie.“ Entsprechend habe man sie ausgebeutet und bäuerliche Revolten dabei von vornherein eingeplant, sie sogar mit präventivem Terror zu unterdrücken versucht. Das mittelfristige Ziel in dieser Sowjetrepublik sei dabei gewesen, durch immer breiter gefasste Maßnahmen, darunter auch die Dezimierung der Eliten, am Ende „die Ukraine von Grund auf zu verändern („remake“), und das ist für mich klar ein Genozid“. In diesem Sinne hatte ein deutscher Diplomat vor Ort die Lage damals so beschrieben: „Es gibt keine ukrainische Ukraine mehr.“ Video zum Vortrag

Die Beiträge der jüngeren Teilnehmer boten ein weites Feld an Themen. So sprach zum Beispiel Mariia Prokopenko (Kyiv-Mohyla-Akademie) über den aus Dnipro stammenden sowjetischen Künstler Adolf Strakhov und die Bedeutung seiner jüdischen Herkunft. Anika Olbrisch (Universität Greifswald) skizzierte ein Projekt mit der neuerdings in Litauen stationierten Brigade der Bundeswehr („Historical Education in Post-Wehrmacht Armed Forces. Coming to Terms with the Past during Deployment”). Petro Dolhanov und Andrii Usach stellten dar, wie in der Gegend um Mizoch in Wolhynien, 1941 bis 1944 unter deutscher Besatzung, die Gewalt eskalierte, zum Beispiel zwischen der Hilfspolizei und ukrainischen Partisanen. Am Ende erlebte die Region furchtbare Verbrechen, deren Opfer größtenteils polnische Zivilisten wurden. Die öffentliche Wolhynien-Debatte führt derzeit zu schweren Verwerfungen in den Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine. MHZ-Direktor Martin Schulze Wessel hat die Zusammenhänge in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ dargestellt.

Andrii Usach führt die TeilnehmerInnen durch die Zitadelle von Lviv

Ausflug zur Zitadelle von Lviv

Vortrag von Prof. Andrea Graziosi

Zentrumsdirektor Prof. Yaroslav Hrytsak and Vortragsgast Prof. Andrea Graziosi

Lviv, Besuch der "After the Silence"-Erinnerungsinitiative